Basra 3. Teil

Von einem Taxi ließ ich mich an die Grenze zu Khorramshar hin bringen. Ich sagte: Border to Iran. Yes, yes, sagte der Fahrer bereitwillig, wie wenn er das alle Tage machte.

Die Straße, die aus Basra hinaus auf Khorramshar zuführt, ist breit wie eine Rollbahn und schön geteert. Der Taxifahrer zögerte, mich ganz hinzufahren an die Grenze, einige hundert Meter vorher blieb er stehn. Ich schöpfte Verdacht und bat ihn zu warten. Und schritt mutig auf die Grenze zu. Mein Marsch endete vor haushohen Rollen Stacheldraht. Ein Zöllner kam belustigt auf mich zu und sagte: No Iran, closed, all years closed. Ich fragte, die Häuser dort hinten, ist das Khorramshar? Ja, sagte er, not allowed. Das Ganze war wie auf einer Bühne arrangiert. Vielleicht war ich seit Monaten, seit Jahren(?) der erste Narr, der hier die Grenze überschreiten wollte. Ich fragte den Zöllner, warum das so sei. Er wackelte mit dem Kopf und zog ihn in die Schultern. Wo in Dreiallahs Namen ist denn ein Grenzübergang zum Iran? Border, Passage, Way?

Shatt al Arab, sagte er sich räuspernd, wie wenn er etwas Unanständiges ausgesprochen hätte. SHATT AL ARAB. Wie weit ist das und wo? Er deutete in Richtung Basra und sagte fachmännisch, 25, 30 km, ungefähr. Und streckte mir zum Abschied wie einem alten Freund die Hand hin, und ich zuckte ein bißchen zusammen, weil ich glaubte, er wolle Bakschisch für seine Auskunft. Vielleicht hatte sich dieser nette Blödian seit Jahren nicht mehr mit einem solchen Blödian von Grenzgänger wie mir unterhalten können. Ich ging meine Flugschneise wieder zurück auf Basra und mein Taxi zu, mitten auf einer 50 Meter breiten Straße, niemand sonst zu sehn, kein Fahrzeug, kein nichts, gestiefelt und gespornt, meinen Seesack auf dem Kopf balancierend, wie bei Afrikanerinnen, die vom Wasserholen kommen. Ich lächelte, und durch den blauen Äther hindurch sah ich das Lächeln Harun al Raschids. Zum erstenmal hatte ich erfahren, wo es einen Grenzübergang zum Iran gab. Fast hätte ich zu tänzeln angefangen.

Shatt al Arab, sagte ich zum Taxifahrer, PLEASE SHATT AL ARAB. Shatt al Arab, wiederholte er. Nun klang es noch unanständiger als aus dem Mund des Grenzers. NOT POSSIBLE. WATER. Er verdrehte die Augen, er wollte mich an der nächsten Straßenecke loswerden. DIRECTION SHATT AL ARAB PLEASE, so far as possible. Er fuhr mich mitten in die Stadt hinein oder auch in ein nördlich gelegenes Stadtviertel, was weiß ich. Auf halber Fahrt hatte er noch einen Polizisten aufgelesen, der mit mir das Taxi verließ, und ich schöpfte eine kleine Hoffnung, er wisse, wie man zur Grenze käme. Wir liefen planlos durch einige Straßen, überquerten den Tigris in einer Fähre. Immer bezahlte nur ich. Entweder hatten Polizisten in Basra freie Fahrt, oder er ließ mich für sich mitbezahlen. Wir kamen an eine Bude, ein auf einer Seite offenes Häuschen, das zum Warten geeignet schien, auch ein Schild gab’s in der Nähe. Liebenswürdig umständlich verabschiedete sich der Polizist.

Fortsetzung folgt

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Ein Quadratkilometer Kyoto

Im Landkartenhaus griff ich mir ein Sonderangebot heraus, eine Karte der alten japanischen Kaiserstadt Kyoto im Maßstab 1:12500. Konkret hatte ich keine Verwendung dafür, aber immerhin, Kyoto oder die jungen Liebenden in der Kaiserstadt von Yasunari Kawabata (1899–1972) ist ein großer Roman, und die Stadt, in der von 794 bis 1869 der Kaiser residierte, ist eine Legende.   Mehr lesen »

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Hilfsorganisationen 1


A: Dann muß ich Ihnen wohl mal erklären, wie das läuft mit der Hilfe.
B: Ich steige wirklich nicht dahinter wie die Organisationen ticken.
A: Zuerst gibt es einen Mißstand.
B: Davon kann man ausgehn, daß es genug Mißstände gibt rund um die Welt.
A: Zum Beispiel die Unterernährung für eine Milliarde Menschen.
B: Oder daß noch mehr Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser haben.
A: Oder zu medizinischer Versorgung.
B: Das weiß man, das sieht man alle Tage. Und dann?
A: Dann gibt es Spendenaufrufe und es wird Geld gesammelt auf Deibel komm raus. Von Brot für die Welt, Adveniat, dem Roten Kreuz, Malteser, Dritte Welt Hilfe, Afghanistanfond. Undsoweiter, undsoweiter.
B: Wieviel Organisationen gibt es denn?
A: Ich weiß es nicht. Kein Mensch weiß es, täglich kommen welche dazu.
B: Wahrscheinlich gibt es tausende. Und dann?
A: Dann wird geholfen. Mal hier ein bißchen, mal da ein bißchen. Gerade mal so viel, daß es nach Hilfe aussieht.
B: Und daß es die Reichen beruhigt?
A: Die können dann sagen: Seht her wie anständig wir sind.
B: Manche spenden ja Millionen, sagt meine Tochter.
A: Ja, Bill Gates zum Beispiel. Es gibt Dutzende solcher Absahner, die reichlich spenden. Wenn man Milliarden verdient, ist es schick, einige Millionen zu spenden.
B: Das ist prima Werbung, sagt meine Tochter.

futura99 hat herausgefunden: Alle Hilfe rund um die Welt macht noch nichtmal die Summe aus, die die Reichen für die Anschaffung ihrer Hunde, für Hundefutter, Hundepflege, Hundemode ausgeben.

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Basra 2. Teil

Am frühen Morgen, als ich aus dem Hotel trat, sprang ein jüngerer Mann aus einem nahebei parkenden Mercedes (der gute Stern auf allen Straßen), hastete auf mich zu und sprach mich in astreinem Englisch an. Er sah unausgeschlafen aus und sein maßgeschneiderter Anzug war zerknittert. Ob ich in dem Hotel wohne, wenn ja, ob er sich bei mir duschen dürfe. Sozusagen als mein Besucher, bis ich das Hotel verlassen müsse. Er sei in kuwaitischen diplomatischen Diensten hier in  Basra, hätte die Nacht im Auto verbracht, damit es nicht verschandelt oder gar geklaut würde und warte auf jemanden, der ihn unter die Brause lasse. Ich war einigermaßen verblüfft. Ein Kuwaiti in diplomatischer Mission und muß im Auto übernachten? Ja, sagte er, wir sind nicht befreundet, wir haben hier nicht einmal eine Handelsmission. Den Mann hatte mir Harun geschickt, war ich doch auf dem Sprung zu einer Bank, um Geld zu tauschen. Meine Tage waren so teuer, ich konnte mein Hotel nicht bezahlen, noch hatte ich etwas, um weiterzukommen. Okay, sagte der Diplomat, ich fahr Sie wohin Sie wollen, erst dusche ich schnell.

Die Bediensteten hatten längst Wind gekriegt von unseren Umtrieben. Sie wollten den Kuwaiti nicht hineinlassen. Er habe kein Zimmer gemietet. Laut sagte ich: Er ist mein Gast, immerhin habe ich das Zimmer bis 11 Uhr vormittags, das ist internationale Regel, ich muß zur Bank wie Sie wissen, um Geld zu tauschen. Was bis 11 Uhr in meinem Zimmer geschieht, ist meine Sache. Die Kellner und Zimmermädchen standen nichtstuend und feindselig um uns herum.

Wir fuhren durch Basra, eine mitteleuropäische Bank auszumachen. An der Kühlerhaube wehte eine kleine kuwaitische Flagge. Wie wär’s, wenn Sie mich mit nach Kuwait nähmen? fragte ich arglos, von dort aus müßte ich ein Schiff nehmen können nach Indien. Er blies die Backen auf und sagte: Bist du verrückt, ich habe schon allein an der Grenze Schwierigkeiten. Die Kuwaitis sind genau so argwöhnisch wie die Iraker, sie würden uns beide einsperren. Ich sah die irakischste Bank aller irakischen Banken und sagte: Laß mich einen Reisescheck wechseln und fahr mich danach zurück ins Hotel, ich muß bis 11 Uhr die Kurve kriegen. (Ich nehme an, wir haben uns eher geduzt als gesiezt, er war jünger als ich, und reisend, zumal im Orient, in schwierigen Situationen, ist alle gesellschaftliche Distanz absurd.) Er wartete geduldig, mehr als eine halbe Stunde. Die Bankbeamten hatten in einem Raum, in den sie mich baten, auf Tischen riesige Bücher liegen, die sie fortwährend hin und her schoben. Manchmal schauten sie sich an, dann wieder mich, wie wenn sie sagen wollten: Wie sollen wir das nun machen? Ich setzte wieder die Miene völliger Gleichgültigkeit in mein Gesicht, mit einer Spur Dümmlichkeit. Meinen Paß hatten mehrere von ihnen genauestens angeschaut, was also wollten sie noch mehr.

Im Hotel Ur zahlte ich meine Zeche nebst Bakschisch (sicherlich das Vielfache des normalen Betrags). Gestiefelt und mit übergehängtem Seesack trat ich
wieder auf die Straße, der Mercedes war über alle Berge.

Fortsetzung folgt.

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Gespräche mit Abwesenden

Neben dem Orient interessiert mich Japan, das Land der aufgehenden Sonne, wie es immer hieß. Da die japanische eine geschlossene Welt darstellt, die sehr vielschichtig ist, können uns übersetzte Bücher nur einen Teil dessen verraten, was das Original enthält. Trotzdem. Sprechen wir über ein Buch von Kenzaburō Ōe, Tagame Berlin – Tokyo. Mehr lesen »

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Nochmal Lobbyismus

B: Und wie steht es mit den Lobbyisten in Brüssel? Meine Tochter sagte, es gibt sage und schreibe 15 000 (fünfzehntausend!!) dort.
A: Damit könnte man eine Stadt gründen.
B: Das wär prima. Da könnten sie sich gegenseitig begaunern und übervorteilen.
A: Aber leider machen sie das mit uns Bürgern. Und sie wollen immer noch eins draufsatteln. Sie lassen sich die unsinnigsten Vorschläge einfallen.
B: Wahrscheinlich damit wir glauben, sie würden sich für uns ins Zeug legen.
A: Und was die Abgeordneten im Europaparlament angeht, so sind sie in Wahrheit nur an ihren Pöstchen interessiert.
B: Und dem Gemauschele bis hin zu Milliarden-Aufträgen selbst mit der Mafia, hab ich gelesen.
A: Jetzt ist ja in Italien der Obermafioso in die zweite Reihe gerutscht.
B: Das wird nicht viel ändern. Die Kanäle bleiben.
A: Das Schlimme ist, wenn man die Burschen entläßt, also ich meine die Politiker, wenn sie nicht wiedergewählt werden, dann kriegen sie fette Pensionen und verdingen sich obendrein als Aufsichtsräte in der Industrie.
B: Oder als Lobbyisten.
A: Das kommt aufs gleiche raus.

futura99 hat aus Brüssel nur einmal etwas Erfreuliches erfahren. Das ist Jahre her. Da hat ein braver belgischer Beamter einige Sauereien aufgedeckt. Dieser lautere Europäer wurde mit Schimpf und Schande entlassen vom Obereuropäer. Was letztlich beweist: Es kommt nie wirklich etwas Sinnvolles aus Brüssel, worauf man stolz sein könnte.

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Basra 1. Teil

Das Hotel Ur erwies sich als der verkommene Prachtkasten, den ich gern hätte meiden wollen. Aber mein Zimmer hatte eine eigne Dusche, und das war ein himmlisches Geschenk nach all meinen verschwitzten und verstaubten Tagen. In der Nacht fühlte ich mich ausgeruht und sorglos, nach einem Schlaf bis Mitternacht, über mir ein Ventilator, groß wie die Propeller eines mittelgroßen Flugzeugs (im Sommer muß es hier tropische Hitze haben). Die Stunden bis in den frühen Morgen verbrachte ich dösend und schreibend. Angefangen hatte ich ein Märchen, während der Zugfahrt, im Kopf. Ich weiß jetzt wie es Gefangenen geht, die sich durch geistige Arbeit fit halten.

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Harem

Die Heiligen Vier Könige durften umherreisen, weil sie Männer waren. Dass der Mann dem Weibe überlegen sei, darüber herrschte stets Einigkeit in Islam und Christentum. Der Mann hat sich das Monopol im Verkehr mit dem Göttlichen gesichert, obwohl die Frau spiritueller ist und mehr an geistigen Dingen interessiert. Mehr lesen »

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Lobbyismus

B: Ich muß nochmal auf das Gekungele in der Politik zurückkommen.
A: Auf die Machenschaften der Aufsichtsräte?
B: Und wie sie die Politik beeinflussen.
A: Nicht nur beeinflussen, sie steuern sie.
B: Über die Lobbyisten?
A: Nicht zu knapp. Wissen Sie, wie viele davon um den Bundestag herumschwirren? Fast 5000.
B: Und die werden von den Industriebossen geschickt?
A: Ja. Von Daimler, von VW, von Opel, von Thyssen, von Siemens, von BASF, von den Ölmulties, den Energiemulties, der Pharmaindustrie, den Banken.  Von allen, die interessiert sind, daß ihre Pfründe nicht geschmälert werden. Im Gegenteil, die Gewinne müssen noch größer ausfallen. Egal auf wessen Kosten.
B: Und da mischen die Ackermänner und Koppers mit?
A: Die haben all das, was sie jetzt scheinheilig dem Staat als Versäumnis in die Schuhe schieben, auf Teufel komm raus betrieben.
B: Und sagen jetzt, ja, wenn der Staat es versäumt, Regeln aufzustellen, da können wir nix dafür.
A: Da können Sie sehen, wie die uns verscheißern.
B: Und der Bürger kann nichts dagegen unternehmen?
A: Es gibt Leute, die sagen: Nichts haben die Deutschen lieber, als von ihren Politikern hintergangen zu werden.
B: Aber nicht die, die auf die Straße gehn. Es werden immer mehr.

futura99 wünscht sich ein Jahr 2012 des Widerstands, des Muts gegen Ungerechtigkeit und Abzocke.

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Im Zug nach Basra

Als mir klar wurde, wie sehr ich in der Klemme steckte, sagte ich mir, so wie du hineingeflutscht bist, mußt du auch wieder hinauskommen. Und richtig klar, wie schlimm es hätte werden können, war mir nicht. Ich hatte nichts Böses im Sinn, davon müßte ich jeden überzeugen können. Wenn ich zum Botschafter komme, hatte ich mir gesagt, nun denn, so soll’s sein, wenn nicht, ist das ein Wink, zu sehn, wie du hier wieder rausflutschst.

Im Zug saß ich eingepfercht zwischen Einheimischen, eine ewig lange Strecke. Alle Stunden kam eine Militärkontrolle durch den Zug, Gewehr geschultert. Beim erstenmal setzte alles in meinem Hirn aus. Sie sind eigens auf dich angesetzt, dachte ich nicht, ich spürte es bis in den kleinen Zeh. Es geschah nichts. Vor Basra kam ich ins Gespräch mit einem gut gekleideten Herrn. Er genoß es, sich mit einem Ausländer englisch zu unterhalten. Er kannte sogar Deutschland ein wenig. Zum Schluß empfahl er mir ein Hotel in Basra, er schrieb es auf einen Zettel, es hieß Ur. Er sagte, Ur liege nicht allzu weit weg, aber man könne es leider nicht besuchen.

Diese Tafel aus einem Königsgrab in Ur, etwa 2500 Jahre vor unsrer Zeitrechnung, befindet sich im Britischen Museum, London.

Einmal, als der Zug auf einer ländlichen Station verweilte, beobachtete ich auf einem Telefonmast zwischen und auf den Drähten ein Storchennest. Dem Impuls, die Storchenfamilie zu fotografieren, gab ich nicht nach, denn in meinem Magen saß die Gewißheit, ich könne nur durchkommen, wenn ich meine Gedanken und Bewegungen auf Sparflamme hielt. In den drei langen Tagen, die ich im Irak weilte, öffnete ich meinen Seesack nur hinter verschlossener Tür. So hielt ich’s auch mit meinen Gedanken und Bewegungen, ich verschloß sie, um mir möglichst keinen Anlaß zur Unsicherheit zu geben. In jede meiner Bewegungen steckte ich meine ganze Konzentration, gleichzeitig ließ ich mich nahezu fatalistisch treiben. Ich verfiel in einen Ausnahmezustand.

Fortsetzung folgt.

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