Sakkar

Kleiner Nachtrag zum Silvesterabend in Quetta. Als es gegen Mitternacht ging, war unsre Müdigkeit verflogen. Wir waren hellwach. Wolf und ich saßen uns gegenüber und unser Zimmer, so häßlich blatternarbig, staubverschmutzt es war, wurde uns ein immer heimeligeres Zuhause. Der Raum war fünfeckig. Mein Lebtag war ich nie in einem fünfeckigen Raum gewesen, auch Wolf nicht. Ein fast gleichmäßig fünfeckiger Raum bringt einen auf allerhand Überlegungen. Wolf sagte: Das Fünfeck ist eine wichtige Form in der Kabbala. Wir fühlten uns immer wohler, scherzten, unser Gespräch hüpfte silvesterlich zwischen unsren Betten hin und her. Wir hatten keinen Tropfen zu trinken, wir waren trunken in unserm Gespräch. Wolf führt nur ganz wenig Gepäck mit sich, weniger als ich. Er sagte, zuhause hätte er alles aufgelöst, er besitze nur noch seine Gitarre und einen kostbaren Ring. Wolf zeigte mir seinen Ring. Ein Ring mit einem grünen, pyramidisch nach oben wie nach unten geschliffenen Stein, fünfeckig wie unser Schlafraum. Dieses Grün, sagte Wolf, verändert seine Farbe im Schmelzprozeß nicht. Allein dieses Smaragdgrün besitzt die Eigenschaft, im Feuer sich selbst zu bleiben, behauptet Wolf. So kamen wir auf das Phänomen Pyramide zu sprechen.

Dann spielte Wolf auf seiner Gitarre, seinem zweiten wertvollen Besitz. Das verblichene graue Gelb unsres Zimmers, die nackte Glühbirne, unsre verstreut auf den Betten herumliegenden Sachen, die Holzgestelle selbst, alles bewegte sich in dem feinen Zittern einer gerade geborenen Melodie.

Seit Quetta bin ich der Mr. Sufi. Im Zug nach Quetta hatte jemand den Einfall, mich so zu nennen, wegen meines Barts. Jüngere Männer tragen keine Bärte, nur Schnäuzer. Einer gab dem nächsten den Namen weiter. Also heiße ich Sufi.

It’s the real thing: Coke. Coka-Cola ist das Bier des Ostens. An allen Ecken stehen die Kisten aufgetürmt. Coka-Cola und Walt Disney haben den 2. Weltkrieg gewonnen. Die amerikanische Krankheit frißt sich wie ein Geschwür in die Welt.

COKE ADDS LIFE TO….. EVERY THING NICE.

Meine Nächte sind keusch und voller Husten. Die Eindrücke übertags füllen mich randvoll bis in meine Träume hinein, ich bin ein Band, das speichert. Wieder und wieder werde ich es abspielen müssen, um die einzelnen Stimmen herauszufiltern, das Band hat eine simultane hundertfache Überspielung. Leben ist Sonderung, Einfachheit. Das andre ist Wahnsinn. Du versuchst herauszuspringen aus dem Einfachen, BEIDES zu verbinden. Das ist das Feld des Künstlers. Deshalb ist er für die Verrückten normal, für die Normalen oft unverständlich. Bewegt er sich auf der Spitze des Diamanten?

EK DO TIEN TSCHAR PAATSCH TSCHÄ SAAT AAT NO DAS (So zählen sie in Urdu. Pakistans Sprachen: Urdu, Panjabi, Sindi, Balutschi, Bhatan’i)

Merrherrbani : Dankeschön                          choda hafis : auf Wiedersehn (auch: gute Nacht)

Ich möchte in Karatschi ein Schiff nehmen nach Bombay. Nach soviel Sand möchte ich eine Schiffahrt erleben. Weites, grenzenloses Meer.

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Reisen in Schwarz-Weiß (8): Sahara 4. Teil

Am 24. März, dem 23. Tag, taucht nach 30 Kilometern plötzlich die Teerstraße auf. Nun gut gelaunt. Andy fährt die 230 Kilometer bis Ghardaïa. Da waren wir ja schon. Andy kauft sich einen Burnus. Ich auch. Nun finde ich ihn nicht mehr. Mehr lesen »

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Götterdämmerung in Griechenland

A: Nun haben sie gewählt, die Griechen.
B: Und die Unregierbarkeit ist herausgekommen, sagt meine Tochter. Was ist schlimmer, fragt sie, ein korrupter Sozialist oder ein dummdreister Faschist?
A: Natürlich ist für die korrupte Bankerkaste und die korrupte Politkaste ein korrupter Sozialist oder ein noch korrupterer Christdemokrat die ideale Partnerschaft. Christdemokrat hört sich einfach besser an als Kommunist oder Nazi.
B: Wieso gab es überhaupt diese zwei Lager in Griechenland, wenn sie gleichermaßen den Staat unter sich als Selbstbedienungsladen aufteilen.
A: Das ist der Trick bei der Sache. Nur so sieht es nach Demokratie aus.
B: Das müssen Sie mir erklären.
A: Schauen Sie. Wenn es Einen gibt, der vorgibt, gerecht und sauber zu regieren, aber es nur vorgibt und in Wirklichkeit unfähig ist für jeglichen demokratischen Anstand, dann muß es einen Zweiten geben, der sagt: Weg mit dir, ich mach es besser, ich mach es wirklich korrekt und sauber.
B: Und in Wirklichkeit ist er genauso verkommen und korrupt wie der Erste.
A: So iset. Aber die Leute, die geglaubt haben, sie hätten was Besseres gewählt, merken es immer nur nach der Wahl.
B: Dann sind sie sauer und wählen wieder den Ersten, weil der inzwischen versprochen hat, nun würde er aber wirklich alles anders und besser halten.
A: So iset. Gucken Sie nach England, gucken sie nach Frankreich. In Deutschland ist es auch nicht besser. Mal Sozis, mal Konservative.
B: Und Demokraten, behaupten sie, seien sie alle.
A: So iset. Und dazwischen hampeln die Gelben, die Grünen, die Ganzundgarroten. Jetzt kommen noch die Piraten dazu, ganz was Neues. Und alle sind sie Demokraten.
B: Und kochen das Süppchen zu ihren Gunsten.
A: So iset. Und so wird’s bleiben. Und, so seh ich’s, ein Teil der Wähler hängt sich an die jeweilig Regierenden, damit auch für sie was abfällt. Und ein bißchen Abfall muß sein, das wissen die gerissenen Politiker. Man darf das Volk nicht ganz verschrecken.
B: Aber viele gehen schon nicht mehr zur Wahl.
A: Das möcht ich nicht empfehlen. Ich geh immer noch, wenn auch verzweifelnd. Und Sie doch auch, wie ich weiß.
B: Ja, als echtes Stimmvieh. Aber man darf es nicht aufgeben, meinen Sie?
A: So iset.

futura99 sagt sich: Nie aufgeben. Leben ist einfach nie aufgeben.

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Haiderabad

Manchmal, umringt von einer Schar Kinder, größeren und kleineren, ein chorisches Geplapper und Geschrei dringt auf mich ein (unter ihnen gibt es welche, die brockenweise englisch radebrechen), sollte ich mein mimisches Talent Kobolz schießen lassen und dem ganzen Wirrwarr die letzte Würze geben: theatralisch inmitten der Schar für Augenblicke meinen Verstand sausen lassen.

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Einen Tanz hinlegen wie ein göttlich inspirierter Derwisch, wie weiland Hodscha Nasredin, ja das würden sie mögen, diese gewitzten Schlingel. Sie würden mit mir herumhopsen, in die Hände klatschen und mich als Obernarr in ihrer Schar willkommen heißen. Was mache ich? Fuchtle mit den Händen überm Kopf und trete die Flucht an.

Auf dem Haus, gegenüber dem Fenster meiner Herberge, sitzt ein schwarzer Storch. Er hat den Schnabel zwischen seine Flügel gesteckt, er träumt von weißen Kühen, grauen Eseln, sandfarbenen Kamelen, roten Pferden, vielfarbenen Hühnern, blauen Katzen, Kindern, Kindern, Kindern, in allen Regenbogenfarben.

Haiderabads Textilfärberei findet unter freiem Himmel statt. Scharlachrote, indigoblaue Wolle liegt und hängt zum Trocknen in weiträumigen Hinterhöfen. Gestern schaute ich in ein Haus mit einem Dutzend Webstühlen. In einem Raum zwei Webstühle, zwei Kinder, etwa 12jährige Buben, sitzen daran, mit dem Rücken zueinander, damit sie sich nicht unterhalten und ablenken. Sie blickten kaum auf, als ich herzu trat, lächelten ihr ernstes unergründliches Kinderlächeln. Ihre Bewegungen sind flink, seit Jahren weben sie an diesen klobigen hölzernen Maschinen und verdienen Pfennige für arme Familien. Wie lange weben sie täglich?

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Von Monstern und Wunderkammern 5. Teil

Architektonische Applikate werten Gebäude auf

Steinmetze alter Garde hatten noch Humor und ein anderes Zeitmanagement, als wir heutzutage. Sie meißelten bei Bauprojekten immer wieder total sinnlose und potthässliche Köppe und Monstergestalten und bauten die einfach an Mauern, Türen oder Giebeln in die Gebäude ein. Den Bauherren wurde weisgemacht, diese Neidköpfe sollten Unheil und Böses abwehren. Die bösen Mächte und Geister sollten den Menschen in den damit bedachten Gebäuden nichts neiden und sie damit nicht gegen die Bewohner aufbringen. In Wahrheit waren diese Applikate Portraits der Erbauer.

Der Brauch mit den Köppen geht vermutlich auf keltische Sitten zurück, als man feindliche Schädel an den Gartenzäunen anbrachte, um bei den Nachbarn anzugeben und um Feinde (wie z.B. Bettler, Steuerbeamte und Versicherungsvertreter) abzuschrecken. Man glaubte, mit der Zurschaustellung des Kopfes habe man Gewalt über die Seele und den Geist des Feindes. Ohne Kenntnis dieses alten Kults wurde der schöne Brauch mit Steinköpfen von der inzwischen christianisierten und aufgeklärten Bevölkerung fortgeführt.

Fortsetzung folgt.

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Die Armut im Kopf

A: Sie machen sich Gedanken, wie das mit der Unterschicht ist?
B: Darf man ja kaum sagen, Unterschicht.
A: Wenn es eine Mittelschicht gibt, gibt es auch eine Unterschicht. Es gibt sogar eine unterste Unterschicht.
B: Naja. Ich höre von Kindern, die in der Grundschule sagen: Was soll ich arbeiten, ich mache Hartzvier.
A: Diese Kinder sind verkorkst von der Nachlässigkeit ihrer Eltern, vom Terror kapitalistischen Konsums, der Filme, des Fernsehens, vom Terror der Reklame, vom Terror der Warenhäuser.
B: Und dann verlieren sie ihren Ehrgeiz und verschlampen ihre Fähigkeiten? Und das läuft auf Null Bock heraus?
A: Es ist die Armut, in die sie hineingeboren werden, ich meine vor allem die geistige Armut, die sich fortpflanzt.
B: Ja, hab ich von gelesen. Wenn die Eltern keinen Ehrgeiz haben sich zu bilden, färbt das auf die Kinder ab.
A: Es ist die allgemeine Verschlampung in der Erziehung. Die Eltern schlampen, die Lehrer schlampen, der Staat schlampt.
B: Viele Lehrer sind sehr bemüht, aber das Durcheinander in den Schulen, die Aggressivität vieler Schüler, wächst ihnen über den Kopf.
A: Und dann baut sich einer der bösesten Schüler vor einem verschreckten Lehrer auf und sagt: Wenn du mir keine gute Note gibst, wirst du schon sehn, was passiert. Und die andern Schüler feixen.
B: Und dieser Lehrer ist dann so verschreckt, er denkt, nach mir die Sintflut, ich pack es nicht mehr.
A: Hat mir eine Gymnasiallehrerin einer Mittelschule gesagt: Wir schleusen die SchülerInnen nur noch durch. Mit Leistungen hat das Versetzen schon lange nichts mehr zu tun. So oder so werden die meisten in die Joblosigkeit entlassen.
B: In Hartzvier also.

futura99 sagt: Es ist der Kapitalismus, der versagt. Kapitalismus ist ein Geschwür, eine Krankheit. In der man es sich oben gutgehn läßt, in der Mitte mithopst, und unten… (siehe oben).

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Quetta

Es herrscht große Unruhe in Belutschistan. Wilde berittene Krieger mit langen Flinten und Krummsäbeln umkreisen die Stadt, es geht das Gerücht eines Umsturzes. Wir konnten die Reiter vom Zug aus beobachten, wie sie Verwünschungen in unsre Richtung ausstießen.

Quetta ist voller Soldaten, sie sollen wohl das Eindringen der Aufständischen in die Stadt verhindern.

Auf dem Bahnsteig, auf der Suche nach einem Hotel, traf ich auf Wolf Seidenberg, der gleichfalls ein Hotel suchte. So suchten wir gemeinsam und fanden ein Doppelzimmer im BISMILLAH. Ein sehr trauriges, heruntergekommenes Haus, das Portal flankiert von zwei Soldaten, auch heruntergekommen, finsteren traurigen Blicks. Sie würden sich wünschen, uns einsperren zu dürfen und uns nur gegen Lösegeld wieder freizulassen. Wir waren es müde, weiter zu suchen und ließen uns auf die Bruchbude ein. Sie hatte so was wie einen Gemeinschaftsraum, worin wir uns erstmal niederließen und die Beine streckten. Tschai wurde uns gebracht. Das ist das Wunder des Orients: du sitzt in einer Räuberhöhle, bestellst dir einen Tee, dein Nachbar, den du erst seit zehn Minuten kennst, dreht dir einen joint, der Tee schmeckt himmlisch, die Glieder und Gedanken entspannen sich. Gut gestimmt, fing Wolf als nächstes an, seine Gitarre gutzustimmen, und stimmte ein allerliebstes Liedchen an aus dem heimatlichen Ruhrpott. Leise und mit Zurückhaltung, unsre Nachbarn spitzten die Ohren und lächelten wohlwollend. Sie haben hier alle Schiß, sie könnten in die Umsturzwirren geraten. Auf welche Seite sollten sie sich schlagen? Einer fragte uns, woher wir kämen. Wolf hatte ein Stück Kreide dabei, und ohne Umstände zeichnete er eine vereinfachte Weltkarte auf den Boden. Europa, naher Osten, ferner Osten. Und mitten in Europa liegt Deutschland, und da kommen wir her. Nach dem dritten Zug aus einem guten joint haben diese Leutchen den absoluten Durchblick, nur keine Vorstellung von Entfernungen, und Deutschland war ihnen ziemlich gleichgültig. Mehr interessierte sie Wolfs Gitarre. Sie betasteten sie vorne und hinten und zupften auch mal verstohlen eine Saite. Dann lachten sie verschämt, weil solche Musik und ein solches Instrument ihnen ungewohnt ist.

Silvester. Um Mitternacht saßen Wolf und ich uns in unserm Zimmer jeder auf seinem Bettgestell gegenüber. Kein weiteres Möbel gab es, als diese 2 hölzernen Gestelle. Meins rückte ich von der Wand ab. Sie war voller roter Flecken. Hingerotzte, hingespuckte blutrote Flecken, Spuckflecken von kat-Kauern. Kat, eingerollt in einem Blatt, stecken sich die Männer, meistens ältere Männer, zwischen Unterlippe und Zähne, primen und kauen darauf herum, bis sie die rote Brühe im Mund loswerden wollen und sie gegen die nächstbeste Wand spucken. Wolf sagte: Wenn sie‘s  auf den Boden spuckten, müßten sie da durchlatschen.

Wolf wußte noch ein Geheimnis für mich, ein wirkliches Geheimnis. Er sagte: Leg dich an den Sockel einer Pyramide und schau hoch an ihr. Die Fläche wird zum Wegweiser für dein Auge. Der Punkt ihrer Spitze ist der Punkt, wo sich die Unendlichkeit auftut. Die Spitze mündet in einen nadelfeinen Diamanten. Sie ist die Nahtstelle, alles sammelt sich in ihr. Das gesamte All findest du in der Spitze dieses Diamanten. Die Spitze, wohlgemerkt, hat kein Gewicht, keine Ausdehnung. Es ist der Punkt, wo das Nichts beginnt und das Alles endet. Liege so lange am Fuß der Pyramide, dein Ohr und dein Herz angeschmiegt an den glatten Stein, bis du die unendlich feine Bewegung spürst, die die Pyramide atmet.

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Reisen in Schwarz-Weiß (7): Sahara 3. Teil

Tamanrasset also, der südlichste Punkt und Endpunkt unserer Reise. Wir buchen für zwei Tage Kamele mit Führer. Danach verabschieden wir uns in Richtung Assekrem, einem 2800 Meter hohen Berg, auf dem die Klause von Charles de Foucauld lag. Es ist der 20. März, als wir endlich auf dem Gipfel stehen und die Fernsicht erleben.  Mehr lesen »

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Die vornehme Tour

A: Ist Ihnen mal aufgefallen, wie viele Stiftungen es gibt?
B: Ist doch eine gute Sache oder nicht?
A: Na ja, wenn sie wirklich der Allgemeinheit zugute kommen schon.
B: Tut es das denn nicht?
A: Nicht immer. Schaun Sie mal, viele davon siedeln sich im großbürgerlichen Milieu an. Um nicht zu sagen, im ganz und gar vornehmen.
B: Also bei denen mit Hummer, Kaviar und Champagner?
A: Ja, im Opernmilieu. Sozusagen bei den Vorstandsbäuchen und deren Gattinnen.
B: Was sollen sie denn machen, die Reichen?
A: Mehr Steuern zahlen. Dann könnten von ihren Millionen Kindergärten eingerichtet und Straßen und Brücken ausgebessert werden.
B: Davon hätten allerdings wir alle was.
A: Die Reichen, die ihr Geld ins Ausland schaffen oder es in Stiftungen anlegen, sagen sich: Macht mal schön. Für unsre Kinder ist gesorgt. Wir haben Kindermädchen und prächtig ausgestattete Schulen, Internate in England, in der Schweiz.
B: Heißassa. Und dann kriegen sie ein Stipendium in Yale, sagt mein Sohn.
A: Sie haben ihre Villen und Einrichtungen im Trocknen.
B: Fehlt also nur noch eine Stiftung für ihre in Jahrzehnten angesammelten Kunstschätze oder für sonst was Geschäftssinniges.
A: Ja, oft schon vom kommerzienrätlichen Großvater angepeilt.
B: Ich hab einen Neffen, einen Künstler, der sagt: Da kann ich nicht drauf gucken, wie einer gestrickt ist, der meine Bilder kauft. Hauptsache, er kauft, und wenn es der schlimmste Neureiche ist.
A: Einverstanden. Nur wer reich (und am besten noch gebildet) ist, kann umfangreich Kunst kaufen und ein Opernhaus oder Theater unterstützen. Stimmt.
B: Also, was meckern Sie?
A: Ich sage nur: Die bleiben zu gern unter sich. Die wollen keine Gemeinschaftsschulen, die wollen Eliteschulen, die wollen das Geld, nicht nur ihres, hübsch oben unter ihresgleichen lassen.
B: Die sagen sich wohl: Wenn die Gemeinschaft reicher wird, werden wir Reichen ärmer. Das finden die gar nicht schick.
A: Die unten sollen sich abrackern für kleinen Lohn und ihre Kinder auf die Grundschule schicken. Die können es ja auch mal zu was bringen, wenn sie tüchtig sind. Gottdergerachte.

futura99 hat mal nachgerechnet: Die Reichen, die sich Salzburg und Bayreuth leisten, werden mit Millionen Euro von der Allgemeinheit subventioniert.

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Im Zug nach Quetta

Morgenländisches Durcheinander, diesmal auf pakistanisch. Der Osten tut sich weit auf. Einigemale geht der Europäer, wenn er noch so gewitzt ist, ins Netz des Unbekannten. Wie lange er zappelt, wie er wieder freikommt vom Gespinst des Schlitzohrigen, Abgefeimten, das ist die Frage. Und welchen Witz er daraus zieht.

Zwei Polizisten erscheinen, sprechen aufgeregt auf einen etwa 25 Jahre jungen Pakistani ein, ich habe in ihm meinen Busgefährten wiedererkannt. Wir saßen während der langen Fahrt durch die Große Salzwüste nebeneinander. In seinem riesigen Turban sieht er stolz und unnahbar aus. Die Polizisten zupfen an ihm herum. Die Erregung hat die Aufmerksamkeit des ganzen Abteils. Die Beamten zerren den jungen Mann ein paar Schritte weg in den Gang. Dort geht das Palaver mit Drumherumstehenden weiter. Die Polizisten verschwinden, die Aufregung bleibt. Nach einigen Minuten sind die beiden Beamten wieder da, verstärkt um zwei weitere Bahnmänner. Niemand im ganzen Wagen bleibt unbeteiligt, alles plärrt durcheinander.

Von einem Halbwüchsigen, der etwas Englisch versteht, versuche ich zu erfahren, worum es geht. Er zuckt die Achseln. Als ich nachhake, sagt er nur money. Wie viel, frage ich. Es geht um eine lächerlich kleine Summe. Ich wühle mich durch das Knäuel der Leute zu den Polizisten hin, die den Mann im Turban hinundherknuffen. Im nu strecke ich ihm einige Scheine hin. Er zögert eine Sekunde, dann nimmt er sie, wortlos, ohne mich anzuschaun, streift seine Uhr vom Handgelenk und schlenzt sie mir hin. Ebenso schnell steck ich sie ihm zurück.

Die Hunde lassen vom Knochen ab. Ein paar Minuten noch wogt aufgeregte Unterhaltung durchs Abteil. Die wenigsten haben mitgekriegt, was geschehen ist. Der Mann sitzt wieder auf seinem Platz, und dort wird er über 30 Stunden sitzenbleiben, wortlos, stolz, in sich gekehrt. Genau wie neben mir im Bus. Er hat ein sehr schönes edles Gesicht. Ich nenne ihn für mich den Fürsten.

Kac para, how much, den langen Tag über. James Joyce und E.Th.A. Hoffmann reisen mit und About Dharma. Ein Engländer klimpert auf seiner Gitarre. Er singt einen Text von Joyce und er fragte mich, ob ich Hoffmann kenne. Der Boden des Wagens ist übersät mit Kernen, Kippen, Spucke, Schachteln, Eierschalen, Papierfetzen. In Sheik Wasil (hieß so die erste Station?), kletterten Langohrziegen über einen Müllhaufen und fraßen Papier und Unrat. Ihre Ohren sind so lang, sie schleifen über den Boden.

Letzte Nacht fiel die Eingangstür unsres Wagens aus den Scharnieren.

Als ich in Quetta mit dem Ausstieg beschäftigt bin, an alles andre denke als an meinen Reisegefährten, tritt er auf dem Bahnsteig auf mich zu, reicht mir die Hand und sagt: Rolf. Eine Begegnung mit der Wucht eines aufleuchtenden Meteors. Für eine Weltensekunde wird mein Herz gekreuzt von der Bahn eines andern. So vielen habe ich meinen Namen aufgeschrieben, von so vielen ihn bekommen, lauen und halblauen Herzens, von diesem Fürsten unter Schakalen weiß ich nichts. Das Unverlierbare ist namenlos.

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