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Die übernatürliche Zigarre
Seltsame Dinge passieren. Mir schickte aus Spanien der 90-jährige Engländer Tom Harrison eine kuriose Geschichte um eine Kiste Zigarren, und die muss man einfach erzählen, so gut ist sie. Vermutlich kursiert sie im Internet, eine Quelle ist nicht genannt, aber überschrieben war sie mit »Die beste Anwaltsgeschichte des Jahres, des Jahrzehnts, vermutlich des Jahrhunderts«.
Sie spielt in Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina und geht so: Ein Anwalt kauft eine Kiste mit 24 äußerst wertvollen Zigarren, die er, neben anderem, gegen Feuer versichert. Nach einem Monat hat er die wunderbaren Zigarren alle geraucht – und will plötzlich Geld von der Versicherung, da die Objekte allesamt bei »kleinen Bränden« zerstört worden seien. Die Versicherung antwortet, das sei wohl ein Witz, der Mann habe sie eben geraucht. Der Anwalt verklagt die Versicherung auf Zahlung – und gewinnt!
Der Richter gab durchaus zu, dass die Klage unverschämt sei, musste aber einräumen, die Versicherung habe die Rauchwaren versichert und nicht genau definiert, wie ein nicht zu akzeptierender Brandschaden aussehen müsse. Um weitere Verfahrenskosten zu sparen, einigen sich die Parteien, und die Versicherung zahlt dem Anwalt 15.000 Dollar. Damit ist der erste Teil der Geschichte zu Ende.
Doch nun Umschlag und Krönung: die Revanche der Versicherung. Als der Anwalt den Scheck einlösen will, sieht er sich plötzlich Polizisten gegenüber. Er wird verhaftet unter der Anklage »Brandstiftung in 24 Fällen«. Auf der Grundlage der Versicherungspolice und seinen eigenen Angaben bei der vorherigen Verhandlung wird der Anwalt für schuldig erklärt, vorsätzlich eigenes Besitztum in Brand gesetzt zu haben. Der Spruch: 24 Monate Haft und 24.000 Dollar Geldstrafe.
Ich suchte nach Toms Namen in meinen Mails und fand die Message: Er hatte sie am 4. Februar 2009 abends zu mir geschickt. Heute, da ich das schreibe, ist der 7. Februar 2010. Gut möglich, dass ich genau vor einem Jahr mit dem Rennrad zu »Wellauer’s« im Zentrum von St. Gallen fuhr, um bei Frau Pflüger Pfeifentabak zu kaufen. Ich blätterte, weil Kunden da waren, in einem Exemplar der Zeitschrift »Cigar«, die auf einem Tisch lag. Dann verabschiedete ich mich und fuhr einen steilen Anstieg hoch in Richtung Riethüsli. Ich dachte wieder intensiv an die Zigarren-Versicherungs-Geschichte. Und wenn ich einen Artikel darüber schreiben würde?
Sollte ich wieder umdrehen und mir im Tabakladen die Adresse von »Cigar« abschreiben? Ich war nicht ganz entschlossen, als mein Blick auf den Straßenrand fiel, in den Rinnstein, wo lag – eine Zigarre!! Es war eine halb gerauchte, auf deren Bauchbinde »Private Stock« stand. Ich steckte sie ein. Sie liegt jetzt in einer Plastiktüte im Regal, als Permanent Paranormal Object (PPO).
Ich fahre seit fast 20 Jahren Fahrrad, zehntausend Kilometer jedes Jahr, und ich schwöre: Nie hatte ich eine Zigarre am Straßenrand gesehen. Dutzende Handschuhe, Werkzeuge, zwei Offiziersmesser, das schon, einmal sogar 40 Euro am Straßenrand, aber eine Zigarre? Nie. Darum muss ich das Erlebnis für ein Beispiel von Synchronizität halten, die Carl Gustav Jung, der in Zürich arbeitete, erläutert hat: Ein seelischer Inhalt manifestiert sich in der Außenwelt. Man denkt an etwas – und im Bus spricht jemand das Wort aus. Oder es steht auf einem Plakat. Man hat es sich nicht eingebildet; die Zigarre liegt ja hier, vor mir. Jemand hatte sie weggeworfen.
Wenn mir jemand (mein Höheres Selbst oder Daemon oder Innerer Beobachter, wie man will) damit etwas sagen wollte (etwa: Schreib den Artikel!), so musste er aus meinen Gedanken wissen, dass ich diesen Weg nehmen würde, und er musste vorausschauend einem Zigarrenraucher den Gedanken eingeben, dass ihm die Zigarre nicht mehr schmeckte („Wirf sie weg!“). Eine schwierige Operation für das Höheres Selbst, aber in Zusammenarbeit mit anderen auch nicht unmöglich.
Übrigens: Ich schickte vor einem Jahr den Artikel an die Schweizer Zeitschrift „Cigar“, erwähnte auch das Fundstück, aber natürlich hörte ich nie mehr von dem Chefredaktor. War ihm wohl zu heiß für seine feinen Kunden. So hatte die geplante Aktion natürlich keinen Erfolg, aber die Freunde sind ja hartnäckig, und darum steht es nun auf futura99.
Es gab in der Welt der Medien und Séancen immer »Apporte«: Es tauchten im Séancenraum Objekte auf, die natürlich nicht »erfunden« wurden, sondern gefunden. Blumen kamen von einer Wiese (oder vom Blumenhändler), Blüten vom Baum gegenüber … und Arthur Findlay berichtete in seinem Buch »Where two Worlds Meet« (1951), dass einmal, bei einer Séance von John Sloan, ein Teilnehmer überraschend eine glimmende Zigarre in der Hand gehalten habe. Woher war die gekommen?
Jemand schaute draußen nach und stieß auf einen völlig verwirrten Mann, der das Pflaster des Gehsteigs absuchte, weil ihm seine Zigarre abhanden gekommen war. Er habe sie doch gerade noch in der Hand gehabt?! Die Frage, wie sie in den geschlossenen Raum gelangte, ist ebenso interessant wie die, wer es war. Lange habe ich mich gegen Geister gesträubt, aber es gibt keine andere Antwort. Es waren Unsichtbare, also Verstorbene, die Humor haben wir wir. Ihre Schwingungen sind derart hoch, dass wir sie nicht sehen.
Sie sind aber nicht nur unsichtbar, sondern auch machtlos: Ihre Hände gleiten durch alles hindurch. Nur wenn ein Medium wie John Sloan in der Nähe ist, bei dem sie Energie »abzapfen« können, um sich Kraft zu holen, können sie einem Mann auch eine Zigarre aus den Händen winden. Wie werden sie gelacht haben!